Wie es zu diesem Konzept gekommen ist

JEAN-YVES DESJARDINS UND DER „SEXOCORPOREL“

Jean-Yves Desjardins, 1931-2011, Mitbegründer der weltweit ersten Sexologischen Fakultät an der Universität Quebec in Montreal, Kanada, entwickelte mit dem Sexocorporel ein Modell der sexuellen Gesundheit und Funktionalität, das heute von zahlreichen Sexualtherapeuten angewandt wird. Desjardins hat sich intensiv mit der sexuellen Lebenswelt der Menschen auseinandergesetzt. Der Kanadier studierte zuerst Theologie und geistliche Musik.

Schon während seines Theologiestudiums kam er zu der Überzeugung, dass das Denken und die wahrnehmbare Realität untrennbar zusammengehörten. Insbesondere die Worte Thomas von Aquins, Philosoph und Theologe des 13. Jahrhunderts, »Nichts ist im Bewusstsein, das nicht zuerst durch die Sinne geht«1, beeindruckten ihn stark. Das bedeutete für ihn, dass man sich ein Bild von etwas machen müsse, was man nicht sehe, um es zu erfassen. Es bedeutete für ihn, dass wir Gott durch Christus versinnbildlichen, um ihn wahrnehmen zu können. Diese Erkenntnis, wie notwendig es ist, die wahrnehmbare Realität zu berücksichtigen, bildete die Grundlage seines Denkens."'

1959 ließ er sich zum Priester weihen und begann ein Psychologiestudium. Er wollte die menschlichen Beweggründe, insbesondere die Sexualität, besser verstehen. Besonders den religiösen Wunsch der Keuschheit begann er zu hinterfragen. Für ihn widersprach dieser der Realität der Männer, weil die sexuelle Erregtheit ein in der Physiologie verankerter Reflex ist. Er war fest davon überzeugt, dass man die Sexulität nicht ignorieren kann und sie ein Teil dessen sein sollte, was wir im Leben zu lernen haben.

1967 verließ Desjardins sein Priesteramt wieder, weil seine Forschungen und seine Denkweise sich zu sehr von den Lehren der katholischen Kirche unterschieden. Die Sexologie wurde sein weltweites Lebenswerk mit dem Ziel, Männern und Frauen einfache und konkrete Informationen über Sexualität zu geben, um ihnen zu helfen, ihr sexuelles Leben und ihr Liebesleben zu verbessern und offen darüber zu sprechen. In seiner väterlichen Art hat Desjardins Sexologie »gepredigt«.

Auf seiner Grunderkenntnis, dass die über die Sinne wahrnehmbare Realität in unserem Denken immer berücksichtigt werden muss, basiert auch sein sexologischer Ansatz: Im Sexocorporel, seinem Konzept sexueller Gesundheit, geht er von einer untrennbaren Einheit von Körper und Hirn aus: »Jede Wahrnehmung, Emotion und Kognition (impliziter Körper) hat ihren Spiegel auf der neurophysiologischen Ebene (expliziter Körper) und umgekehrt.«

1) Nihil inte Lectu nisi prius in sensu.